West - Zufall, vielleicht auch Schicksal?

An einem grauen, kalten Januarsonntag saß ich mit einem Freund beim Frühstück. Mein Freund war in seinen Gedanken vertieft und abwesend. Ich fragte ihn, warum und weswegen, er erklärte mir, dass er sich frisch getrennt hätte, und den Hund seiner Expartnerin extrem vermisse. Zuerst dachte ich, ach du Schande nur den Hund?

 

Er nahm sein Handy und zeigte mir Fotos, voller Stolz erzählte er mir von ihm. Ich kam mir vor wie in einer Kantine bei der Mittagspause, wo frisch gebackene Eltern nach dem Essen ihre Handys auspacken, um stolz und demonstrativ Bilder von ihren Sprösslingen zu zeigen. Die erstbeste Lösung schien mir, ein neuer Hund muss her! Sein Herzblatt war ein kleiner putziger Westie Mix.

 

Google zeigte unzählige Treffer, Kleintiereonline, Kleinanzeigen, Züchter, Petsharing und sogar Ebay. Die Preise variierten von 50 bis zu 1800 Euro mit und ohne Stammbaum. Fluchtartig fühlte ich mich jetzt schon überfordert. Beim Versuch etwas Konkretes zu finden klickte ich unter der Suchleiste bei Google auf Bilder! Da war er: Ein kleiner zerzauster, mit grauem Fell und mit einem Wolfszahn beglückter und mit nach Hilfe suchendem Blick: sein Name "West". Ich musste sofort an "Toto" denken, den kleinen Hund aus dem Film "Der Zauberer von Oz".

 

Ups, da geschah es, West gefiel mir. Ja, er fand ihn auch süß, doch eigentlich gab er mir den Auftrag, ihm diese Suche abzunehmen, da er in den nächsten Tagen viel zu tun hätte. Ein Straßenhund aus Spanien schien mir zu Beginn keine gute Idee, aber eine Stimme in mir, drängte der Sache eine Chance zu geben.

 

Montagmorgen rief ich an, eine fröhliche klare Stimme auf der anderen Seite, Barbara und sie spricht Deutsch! Sie erklärte mir das Vorgehen, ich willigte ein. Ein Hausbesuch fand noch in der gleichen Woche statt. Es folgten Veterinär Tests, das Warten auf die Blutergebnisse zermürbte mich fast. Die Zusage! Yes, wir bekommen West!

 

In der Zwischenzeit änderte sich die Situation bei meinem Freund. Seine Exfreundin beschloss den Rosenkrieg zu beenden. Der kleine Westi Mix. dürfte zu seinem stolzen besten Freund zurück! Ich freute mich riesig für ihn und für mich... West! Eigentlich will ich West und nicht mein Freund! Ich dachte an früher, an meine Kindheit und vermisste die Zeit, in welcher meine beste Freundin eine Boxer Hündin "Bianca" war.

 

Zurück zu West. Fast täglich informierte mich Barbara mit Neuigkeiten über West. Nach fünf Wochen Warten war es soweit. An einer großen Autobahnraststätte um 6.00 Uhr morgens hielt ich sehnsüchtig Ausschau nach einem weißen Transporter! Da! West kam als Erster raus, voller Energie wollte er am liebsten alles entdecken... Der Fahrer schaute mich schmunzelnd an und sagte: "Viel Spaß, der Kleine bellt lauter als all seine Mitreisenden!?!" Ok!!!

 

Nach einer kleinen Runde an der Raststätte ging‘s ins Auto, wie ein Kleinkind wurde West artgerecht angeschnallt. Es war so still im Auto, eigentlich läuft immer Musik, aber ich getraute mich nicht das Radio anzuschalten, Hunde hören doch 2,5 Mal stärker als der Mensch. Nach 20 Minuten Ruhe hielt ich es nicht mehr aus, leise stillte ich meine Sucht nach Musik. Aus heiterem Himmel begann West in einer überdimensionalen Lautstärke an zu bellen. An so etwas war ich schon sehr lange nicht mehr gewohnt. Nicht einmal meine zwei Kinder konnten diese Lautstärke toppen und die sind 5 und 7. West hörte einfach nicht auf, ich versuchte mit ihm zu sprechen, aber er verstand mich nicht wirklich.

 

Zu Hause angekommen, schnupperte sich West durch alle Zimmer, mit einem großen Sprung lag er auf der Couch, auf meinem Lieblingsplatz! Die Kinder strahlten voller Freude, sie wollten ihn halten und tragen, was West nicht besonders gefiel. In der ersten Nacht schliefen wir alle durch, in der zweiten wurde ich um 2.00 Uhr morgens aus meinem tiefen Schlaf geweckt. Dieses laute Bellen, Gott im Himmel meine Nachbaren! West ist im Wohnzimmer verängstigt, es roch nach Hundekot, in der hintersten Ecke des Wohnzimmers die visuelle Bestätigung meiner Nase. Oh West, was ist nur los? Sein Hundeblick zeigt große Reue. Wir gingen raus und West hatte Durchfall, die Tierärztin erklärte uns, dass dies total normal wäre. Sensibler Hund mit einer neuen Lebenssituation, völlig verständlich.

 

Die ersten vier Wochen waren wirklich sehr anstrengend für ihn und uns. West musste mit mir auch viel Geduld haben, ich bin stur und streng. Mein Partner, der am Anfang von der neuen Situation nicht begeistert war, ist nun auch seinem süßen Blick verfallen. Mein Partner ist mir eine große Hilfe, da er den Morgenspaziergang übernimmt.

 

Fazit nach vier Monaten harter Arbeit: West hört jetzt manchmal auf Stop, manchmal auch auf Sitz und er ist zu 100% stubenrein. Wir waren 4 Wochen auf Reisen, quer durch Europa, West war immer dabei und es waren unsere schönsten Ferien ever!