Ramirez - ehemals Gregor - Dr. Jekyll and Mr. Hyde

Lange überlege ich schon über diesen Text. Überlege, ob unsere Geschichte als „happy end“-Geschichte taugt oder eher, wie bei mir selbst, als Geschichte zum Über- und Nachdenken...

 

Es ist wohl beides. Irgendwie, genau wie die zwei Herzen, die in der Brust

meines Spaniers schlagen. Er hat mich zum Sinnieren gebracht. Zum Überlegen darüber, ob unsere wohlgemeinten „Rettungen“ dies auch immer sind.

 

Aber der Reihe nach.

 

Am 12. März 2017 holte ich voller Freude meinen zukünftigen Hund an der

Übergabestelle ab. Als sich der LKW öffnete, kamen wir gerade an und ich sah ihn direkt, seine Box stand ganz vorne. Kurz darauf kam die nette Dame, die alles abwickelte, zu mir und meinte, dass ich bis zum Schluss

warten müsse, weil der Hund so aufgeregt sei. Über 20 Jahre Hundeerfahrung macht das nichts aus.

 

Klar ist der aufgeregt, ist ja auch stressig so ein Transport in einer engen

Box, im Dunkeln, keine Bewegung, alles macht Angst. Schließlich brachte sie ihn dann. Er bellte und zerrte und war völlig aufgelöst der Arme. Jeder Hund wurde „angemacht“, naja, da waren ja einige.

 

Raus aus dem Palaver, erst mal eine kleine Runde drehen und dann ab ins Auto … haha... von wegen! Hund weigerte sich strikt. Ok, klar, schon wieder in so ein Ding rein. Also … Überraschungsmoment und Hund ins Auto gehieft.

 

Zuhause angekommen Begrüßungsrunde mit bereits anwesendem Golden. Das ging überraschend harmonisch vonstatten und wir trafen auf das nächste Hindernis: Treppe.

 

Gut 15 Minuten mit viel gutem Zureden bis wir vor der Haustür standen...

Und das ging eine ganze Weile so...

Ich könnte jetzt ein Buch schreiben über all die großen und kleinen Dinge die Ramirez bis heute in Angst und Schrecken oder auch in Aufregung versetzen.. täglich findet sich noch etwas Neues.

 

Mein Fazit nach einem Jahr:

Ramirez ist mit allen Menschen gut, im Haus außerordentlich ruhig und eine

totale Schmusebacke. Recht schnell hat er verstanden, wer der Chef ist (nämlich ich) und seinen Rang hat er nach kurzer Frage beim Golden-Opa und entsprechender Zurechtweisung von diesem bis heute ganz unten akzeptiert.

 

Er hasst es allerdings drinnen zu sein. Das ist nicht sein Ding, das spürt man täglich.

Wenn es dann vor die Tür geht, zeigt sich Ramirez als Mr. Hyde:

Dann ist er sehr unsicher, daraus resultierend dann aggressiv gegen andere

Hunde und sehr eigensinnig. Er ist äußerst triebig, hat eine extrem gute Nase, die aber nie bei einer Spur bleiben kann, ist sehr reviergenau. Bis vor vier Wochen hat er sich standhaft geweigert, unseren Garten zu betreten weil der das Revier des Golden ist...

 

Im Umkreis von 200 m wohnen 7 Hunde. Sobald wir raus gehen (und ich meine wirklich nur vor die Tür treten), dreht mein Hund total durch. Er muss die anderen noch nicht mal sehen. Es reicht, sie zu riechen. Dann springt er im Kreis, kläfft und knurrt.

 

Kinder mit Rollern, Fahrrädern, komischen Helmen auf dem Kopf, Omas mit

Rollator, Kinderwagen, LKWs, Motorräder … alles doof, alles Angst einflößend, alles wurde, wird teilweise heute noch, je nach Tagesform, angemacht...

 

Mit Leckerlies ist er nicht zu bekommen. Die interessieren ihn nicht.

Die klassischen Ablenk-Übungen fallen auch flach, da er ja schon nur auf den Duft reagiert bzw. er weiß ja, in welchem Haus ein Hund wohnt.

 

2 Hundetrainer hatte ich hier, eine sehr sehr Gute, die unter anderem auch

Sachkunde abnehmen kann und die sagte: Der ist so. Das kann nur laaaaange Zeit ändern (wenn überhaupt), DENN der ist gut auf mich geprägt und nimmt mich auch als vertrauenswürdigen Chef wahr. Das haben wir in der Trainingszeit auch immer wieder gesehen.

 

So ist er der erste Hund, der wenn es klingelt, kurz bellt und dann zu mir

läuft und mich anschaut. Nur andere Hunde. No Go!

Also bleibt zumindest einmal am Tag die Variante: Hund ins Auto und ab in den Wald... Moment...da war ja was.

 

Genau. Auto einsteigen.

Ramirez ist ja jetzt kein kleiner Hund und wenn der sich stur stellt und extra schwer macht, dann bewege ich den nicht.

WOCHENLANG täglich am Auto vorbei gegangen. Mit offenem Kofferraum. Immer näher ging es, bis direkt ans Auto ran. Leckerlies ziehen ja nicht, hatte ich schon erwähnt...

 

Und immer dabei: Der Duft von Nachbarshunden, da muss man ja eh schon

ausflippen...

Irgendwann ging dann nur noch HOPP oder TOPP. Fressen nur im Auto.

Ich schreib jetzt nicht, wie lange es dauerte, wie lange dieser Hund gehungert hat. Jeden Tag dreimal habe ich ihn ans Auto geführt, ihm sein Fressen angeboten.

Eines Tages ist er dann in den Kofferraum gestiegen... mit den Vorderbeinen, man ist ja nicht dumm, macht man sich lang genug, kommt man auch an sein Futter :-)

 

Mittlerweile klappt das mit den Spaziergängen im Wald. Er springt direkt ins

Auto...wenn Fressen drin steht, das heißt, dass er immer noch nur damit

einsteigt. Auch die Erfahrung, dass ja was Tolles passiert, wenn wir Auto

fahren, hat ihn noch nicht dazu animiert, einfach so hinein zu springen.

 

Spaziergänge im Wald...

Nach dem heutigen Stand der Dinge wird Ramirez sein Leben an der Schleppleine verbringen. Sein Freiheitsdrang und seine hyperaktive Nase lassen ihn das andere Ende der Leine immer vergessen :-) Wir üben das Zurückkommen täglich, aber es sind seeeeehr kleine Fortschritte, es gibt sie, aber sie sind seeehr klein DENN, wie erwähnt … Leckerlies interessieren ihn nicht.

 

Bei Fuß laufen??!! … naja, man kann es sich denken..

Bällchen und Stöckchen im Übrigen auch nicht. Fußballspielen mit den Kindern im eingezäunten Garten? PUH! Wie doof! Soll der Retriever doch rennen...

 

Und da wären noch meine Katzen.

Die betreten das Haus nicht mehr, seit Ramirez da ist. Er wird hochgradig

hysterisch und flippt total aus, immer noch, sobald er sie sieht. Auch vor dem Haus oder im Garten.

 

Also wohnen die Katzen jetzt in der Garage und ich bin froh, dass sie nicht so sauer wurden, dass sie abgehauen sind...

Wie schon erwähnt hasst Ramirez es, zumindest tagsüber, im Haus zu sein. Ließ ich ihn aber auf der Veranda, bellte er ununterbrochen alles an. Das klappt jetzt nach langem Üben einigermaßen.

 

Fazit:

Ramirez hat mich viel gelehrt und vieles nochmal mit anderen Augen sehen

lassen. Oft denke ich mir, dass er in Freiheit glücklicher wäre als in dem Stress, den sein „Wohlfühlparadies“ ihm antut. Er könnte anderen aus dem Weg gehen und würde nicht durch Gassi-Runden und ständige Konfrontation mit anderen Hunden oder angsteinflößenden Dingen

gestresst werden. Seine Freiheit wäre länger als 10 m und würde nicht dauernd begrenzt. Ich habe aber auch Verständnis entwickelt für Menschen, die „so einen Hund“ nach drei Wochen wieder abgeben.

 

NEIN, ich habe nie darüber nachgedacht, aber es war und ist anstrengend. Und macht nicht immer Spaß. Nicht mir. Nicht dem Hund. Kurze Gassirunde ist Spießrutenlaufen. Meine Katzen hat er aus dem Haus geekelt und ich muss immer aufpassen, dass die sich nicht begegnen.

Ihn mal irgendwohin mitzunehmen, sei es in die Stadt oder nur mal in den

Biergarten... zur Zeit unvorstellbar. Der Hund würde völlig durchdrehen.

 

Viele Leute haben immer noch Angst vor Schäferhunden und Ramirez, vor allem in seiner Ausflipperei, vermittelt das zusätzlich.

Wer jetzt der Meinung ist, dass ihm hier die Sicherheit und richtige Erziehung fehlt, der ist leider auf dem falschen Schiff. Wir arbeiten fast ausschließlich über Körpersprache und dieser Hund versteht mich. Er ist allerdings im Innersten ein „Straßenköter“ ;-) und den interessiert kein „Rudel-Chef“.

 

Zuhause ja, aber sobald er ins Territorium anderer läuft (und ich zwinge ihn ja dahin), ist es aus. Denn eigentlich möchte er gar nicht mit anderen Hunden konfrontiert sein.

 

Ich nehme ihn wie er ist. Er ist und bleibt MEIN Hund. Ein besonderer. Ein

herausfordernder.

 

Ein Charakterkopf. So wie ich. Deshalb passt es :-)